Der Hinduismus im Westen
Am 20. Mai 1498 fuhr der portugiesische Entdecker
Vasco da Gama in den Hafen von Calicut an der Südwestküste Indiens ein und öffnete so
dem europäischen Handel mit dem Osten einen Weg, der nicht von moslemischen Ländern
abhing. Von da an begannen die Europäer, in Indien Handelsposten einzurichten, aber erst
1757, als der britische Soldat und Staatsmann Sir Robert Clive die Franzosen und ihre
Verbündeten schlug, wurde die europäische Kolonisation Wirklichkeit. Mit dem Untergang
des Mogulreichs übernahm Großbritannien die Zügel der Macht und regierte Indien bis
1947.
Kalkutta in Bengalen im Nordosten wurde das
Zentrum britischer Macht in Indien, und in diesem Gebiet kam es im 18. Jahrhundert und
danach zu einem regen Austausch zwischen Hinduismus und Christentum. Die Begegnung mit dem
Christentum, und dadurch mit westlicher Technologie und westlichen Gesellschafts- und
Bildungsvorstellungen, führte zu einer Reform innerhalb des Hinduismus, die weitgehend
durch den Einfluß charismatischer Persönlichkeiten, darunter Rammohan Roy, Dayananda
Saraswati, Sri RamaKrsna und Rabindranath Tagore, angeregt wurde.
Rammohan Roy (1772-1833), ein bengalischer
Brahmane, war stark vom Christentum beeinflußt. Er kämpfte gegen die Kinderehe, Sati -
die Opferung von Witwen auf den Bestattungsscheiterhaufen ihrer Männer - und die
Verwendung von Bildern (Murtis) im Kult. 1828 gründete er die Brahma Samadsch
(Brahma-Gemeinschaft), die einen strengen Monotheismus lehrte und viele indische
Intellektuelle vor der Aufgabe ihres kulturellen und geistlichen Erbes bewahrte.
Der nächste große Hindureformer war Dayananda
Saraswati (1824-1883), ein Brahmane aus Gudscharat, der sein Leben der Rückkehr des
Hinduismus zu der Reinheit der Veden widmete, die für ihn die Quelle aller Erkenntnis
waren. Er lehnte den Murti-Kult, das Kastensystem und die Vorstellung göttlicher
Inkarnation ab. Außerdem gründete er die Arja Samadsch, eine bis heute aktive
Gemeinschaft, die seine Lehren mit missionarischen Methoden in Dörfer aller Kasten
bringt.
Ein Zeitgenosse Saraswatis und im Westen besser
bekannt war Sri RamaKrsna (1836-1886), ein armer bengalischer Brahmane, dessen mystische
Visionen ihn davon überzeugten, daß Gott durch jede Religion gefunden werden kann.
Sein berühmtester Schüler war Swami Wiwekananda
(1863-1902), dessen Führung der RamaKrsna-Mission gegründet, um die Leiden der
Bedürftigen durch gute Werke zu lindern - eine entscheidende Rolle dabei spielte, den
Westen auf den Hinduismus aufmerksam zu machen.
Auch Rabindranath Tagore (1861-1941), der 1913 den
Literaturnobelpreis erhielt, war aus Bengalen. Seine Betonung göttlicher Liebe und seine
Brandmarkung des Nationalismus als »organisierte Selbstsucht« machte ihn zur Zeit der
Gründung des Völkerbunds 1919 für die liberale Intelligenz des Westens attraktiv.
Seit dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der
Indischen Republik 1947 hat sich der Hinduismus weiterentwickelt. Obwohl die konservative
Orthodoxie weiterlebt, besonders in der nationalistischen Bharatija-Dschanata-Partei,
entstehen neue Äußerungen des Hinduismus, z. B. im Santoschi-Mata-Kult. Die Tochter des
elefantenköpfigen Gottes Ganesha, Santoschi Mata, war eine wenig bekannte Gottheit, bis
ihr Filmporträt sie über Nacht zu einer bekannten Göttin machte. Die durch Mahatma
Gandhi und andere geschaffene Achtung vor dem Hinduismus sowie der Aufstieg von aus dem
Hinduismus hervorgegangenen Gruppen, wie der Hare-Krsna-Bewegung und der Transzendentalen
Meditation, haben das Interesse des Westens an dieser ältesten lebenden Religion
wachgehalten. |